{"id":527,"date":"2006-08-09T19:29:59","date_gmt":"2006-08-09T17:29:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einhornev.de\/cms\/2015\/06\/09\/wenn-kaninchen-trauer-tragen\/"},"modified":"2015-06-20T22:35:08","modified_gmt":"2015-06-20T20:35:08","slug":"wenn-kaninchen-trauer-tragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.einhornev.de\/cms\/2006\/08\/09\/wenn-kaninchen-trauer-tragen\/","title":{"rendered":"Wenn Kaninchen Trauer tragen"},"content":{"rendered":"<p>Charly und Lucy kamen schon als P\u00e4rchen zu Einhorn. Es war Herbst und da die beiden sich nicht auf die kalte Jahreszeit hatten einstellen k\u00f6nnen, bezogen sie einen gemeinsamen, gro\u00dfen Doppelk\u00e4fig im Haus. Charly war ein schwarzer Kleinwidder, freundlich und ausgeglichen, Lucy, die zierliche, wildfarbene Zwergh\u00e4sin, ganz das Gegenteil: leicht nerv\u00f6s, \u00e4ngstlich und immer fluchtbereit. Doch Charly gab ihr Ruhe und Sicherheit, setzte sich sch\u00fctzend vor sie, wenn sich ein Mensch n\u00e4herte und stupste sie aufmunternd an. Dann schob Lucy ihr K\u00f6pfchen unter seine Brust und Charly leckte ihre Ohren.<\/p>\n<p>Einige letzte warme Tage verbrachten die Kleintiere drau\u00dfen in den Freil\u00e4ufen und wir setzten andere Kaninchen und Meerschweinchen mit Lucy und Charly zusammen. Mit Charly h\u00e4tte diese Zusammenf\u00fchrung sicherlich geklappt, doch Lucy pa\u00dfte eifers\u00fcchtig darauf auf, da\u00df niemand \u201aihrem Mann\u2018 zu nahe kam. Pl\u00f6tzlich war sie nicht mehr die unsichere, scheue H\u00e4sin, sondern eine kleine Furie, die sich kratzend und bei\u00dfend auf die anderen Tiere st\u00fcrzte.<\/p>\n<p>Also trennten wir die beiden wieder von den anderen und lie\u00dfen es so, wie sie es seit fast 5 Jahren gewohnt waren. Es war ihnen anzusehen, da\u00df sie einander vollauf gen\u00fcgten. Sie kuschelten und spielten, putzten sich gegenseitig und schliefen immer Seite an Seite.<\/p>\n<p>Einige Wochen sp\u00e4ter ging es Lucy pl\u00f6tzlich schlecht. Sie a\u00df nichts mehr und hockte teilnahmslos im K\u00e4fig. Charly sa\u00df bei ihr und wollte gar nicht mehr aufh\u00f6ren, ihr Gesicht zu lecken. Der Arzt untersuchte die H\u00e4sin ausgiebig, konnte jedoch nur feststellen, was uns auch schon aufgefallen war, n\u00e4mlich da\u00df sie abgenommen hatte. Sie bekam eine Aufbauspritze und Vitamine verschrieben. In der kommenden Nacht sah ich noch mehrmals nach ihr. Sie a\u00df zwar noch immer nichts, doch es schien ihr auch nicht schlechter zu gehen. Und Charly sa\u00df nach wie vor bei ihr, leckte ihr das Gesicht oder die Ohren oder legte einfach nur seinen Kopf auf ihren R\u00fccken.<\/p>\n<p>Als ich am n\u00e4chsten Morgen das Zimmer betrag, wu\u00dfte ich sofort, da\u00df etwas Schreckliches geschehen war. Charly sa\u00df allein in einer H\u00e4lfte des Doppelk\u00e4figs, den R\u00fccken der anderen H\u00e4lfte zugewandt. Dann sah ich Lucy. Sie war gestorben, an derselben Stelle, an der ich sie vor wenigen Stunden noch lebend gesehen hatte. Sicher war Charly bis zuletzt bei ihr geblieben. Mit Tr\u00e4nen in den Augen hob ich den kleinen, kalten K\u00f6rper verstohlen aus dem Stall, hoffte, da\u00df Charly es nicht bemerken w\u00fcrde. Doch er schaute gar nicht hin, hielt die Augen fest verschlossen.<\/p>\n<p>Woran war Lucy gestorben? Hatte sie eine ansteckende Krankheit gehabt? Um ein m\u00f6gliches Risiko f\u00fcr die anderen Tiere zu erkennen, lie\u00dfen wir sie untersuchen. Wir machten uns gro\u00dfe Sorgen, denn nach Lucy\u2019s Tod bekam Charly f\u00fcrchterlichen Durchfall, h\u00f6rte dann auf zu essen und kauerte nun ebenso apathisch mit geschlossenen Augen in einer Ecke. Die Obduktion von Lucy\u2019s K\u00f6rper ergab jedoch, da\u00df die kleine H\u00e4sin an einem Lebertumor gestorben war \u2013 Charly konnte sich also nicht angesteckt haben. Es gab nur eine Erkl\u00e4rung: Charly tauerte! Selbst ausgew\u00e4hlteste Leckereien lie\u00dfen ihn kalt, zwei andere, ihm vorgestellte H\u00e4sinnen bi\u00df er w\u00fctend weg und den Teil des Doppelk\u00e4figs, in dem Lucy gestorben war, betrat er nie mehr.<\/p>\n<p>Der Arzt konnte keine k\u00f6rperliche Erkrankung erkennen und riet uns zur vor\u00fcbergehenden Zwangsern\u00e4hrung. Doch auch damit hatten wir keinen Erfolg. Der Brei lief dem Kaninchen immer wieder aus dem Mund \u2013 er weigerte sich zu schlucken. Charly litt erb\u00e4rmlich, und wir waren uns einig: Wir mu\u00dften eine Kaninchendame finden, die er mochte &#8230; und zwar schnell. Zwei Tage sp\u00e4ter stand die traurige Geschichte in der Zeitung und verschiedene Tierfreunde meldeten sich, um Charly bei sich aufzunehmen. Die ersten beiden Adressen lie\u00dfen unsere anf\u00e4ngliche Hoffnung fast auf Null sinken: Charly wollte nichts von den Kaninchendamen wissen und verkroch sich weiter in seiner Trauer.<\/p>\n<p>Dann fuhren wir zu einem Ehepaar, Astrid und Thorsten, das mit zwei weiblichen Kaninchen zusammenlebte. Und dieses Mal war alles anders: Als Charly \u201aMonster\u2018 sah, hob er langsam den Kopf und schnupperte! Das erste Mal seit Lucy\u2019s Tod zeigte er Interesse, schien aus seinem Kummer zu erwachen. Wir hielten die Luft an, mochten uns nicht bewegen.<\/p>\n<p>Als wollte er seinen Augen nicht trauer, starrte Charly die H\u00e4sin an &#8230; und machte einen Schritt in ihre Richtung. Lag es daran, da\u00df sie ebenso aussah wie Lucy, wildfarben und zierlich? Sp\u00fcrte er, da\u00df sie Lucy auch charakterlich sehr \u00e4hnlich war, \u00e4ngstlich und schutzbed\u00fcrftig? Doch sein Interesse dauerte nur Sekunden und Charly zog sich wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>War diese \u00c4hnlichkeit nun gut f\u00fcr ihn, w\u00fcrde Monster ihn irgendwann ganz von seinem Schmerz ablenken k\u00f6nnen? Oder w\u00fcrde es f\u00fcr ihn nur noch schlimmer werden?<\/p>\n<p>Wir hatten uns lange mit Astrid und Thorsten unterhalten und wu\u00dften, da\u00df Charly bei ihnen auf jeden Fall in den besten H\u00e4nden war, denn sie verstanden sein Problem und nahmen es ernst. Auch die Unterbringung der H\u00e4sinnen Monster und Flecki \u2013 sie konnten sich in der oberen Etage frei bewegen \u2013 und wie das Paar von den Tieren sprachen, zeigte, da\u00df sie sie als eigenst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeiten mit individuellen Bed\u00fcrfnissen und Eigenschaften sahen und behandelten.<\/p>\n<p>Wir lie\u00dfen Charly bei diesen freundlichen Menschen. W\u00e4hrend der n\u00e4chsten Tage erfuhren wir, da\u00df es die einzig richtige Entscheidung gewesen war: Schon am ersten Abend a\u00df Charly etwas und mit der Zeit machte er klar erkennbare Fortschritte. Zwar mu\u00dfte er noch einige Male zum Arzt, damit der Durchfall behandelt wurde, doch es ging bergauf.<\/p>\n<p>Diese Geschichte zeigt einmal mehr, was jeder Mensch, der bewu\u00dft mit Tieren lebt, best\u00e4tigen kann: Da\u00df unsere Mitlebewesen ebenso wie wir Gef\u00fchle wie Liebe, Eifersucht, Angst, Zufriedenheit und Einsamkeit empfinden. Und das gilt nicht nur f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Tiere, deren Gef\u00fchle f\u00fcr uns klarer erkennbar sind wie Hunde, Pferde oder Katzen.<\/p>\n<p>Nur vermessene Kleingeister h\u00e4tten die Trauer von Charly nicht als ebenso schmerzvoll erkannt als die eines Menschen, der den geliebten Partner verloren hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charly und Lucy kamen schon als P\u00e4rchen zu Einhorn. 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