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Kaninchen trauern wie Menschen
Kaninchen trauern wie Menschen

Wenn Kaninchen Trauer tragen


Charly und Lucy kamen schon als Pärchen zu Einhorn. Es war Herbst und da die beiden sich nicht auf die kalte Jahreszeit hatten einstellen können, bezogen sie einen gemeinsamen, großen Doppelkäfig im Haus. Charly war ein schwarzer Kleinwidder, freundlich und ausgeglichen, Lucy, die zierliche, wildfarbene Zwerghäsin, ganz das Gegenteil: leicht nervös, ängstlich und immer fluchtbereit. Doch Charly gab ihr Ruhe und Sicherheit, setzte sich schützend vor sie, wenn sich ein Mensch näherte und stupste sie aufmunternd an. Dann schob Lucy ihr Köpfchen unter seine Brust und Charly leckte ihre Ohren.

Einige letzte warme Tage verbrachten die Kleintiere draußen in den Freiläufen und wir setzten andere Kaninchen und Meerschweinchen mit Lucy und Charly zusammen. Mit Charly hätte diese Zusammenführung sicherlich geklappt, doch Lucy paßte eifersüchtig darauf auf, daß niemand ‚ihrem Mann‘ zu nahe kam. Plötzlich war sie nicht mehr die unsichere, scheue Häsin, sondern eine kleine Furie, die sich kratzend und beißend auf die anderen Tiere stürzte.

Also trennten wir die beiden wieder von den anderen und ließen es so, wie sie es seit fast 5 Jahren gewohnt waren. Es war ihnen anzusehen, daß sie einander vollauf genügten. Sie kuschelten und spielten, putzten sich gegenseitig und schliefen immer Seite an Seite.

Einige Wochen später ging es Lucy plötzlich schlecht. Sie aß nichts mehr und hockte teilnahmslos im Käfig. Charly saß bei ihr und wollte gar nicht mehr aufhören, ihr Gesicht zu lecken. Der Arzt untersuchte die Häsin ausgiebig, konnte jedoch nur feststellen, was uns auch schon aufgefallen war, nämlich daß sie abgenommen hatte. Sie bekam eine Aufbauspritze und Vitamine verschrieben. In der kommenden Nacht sah ich noch mehrmals nach ihr. Sie aß zwar noch immer nichts, doch es schien ihr auch nicht schlechter zu gehen. Und Charly saß nach wie vor bei ihr, leckte ihr das Gesicht oder die Ohren oder legte einfach nur seinen Kopf auf ihren Rücken.

Als ich am nächsten Morgen das Zimmer betrag, wußte ich sofort, daß etwas Schreckliches geschehen war. Charly saß allein in einer Hälfte des Doppelkäfigs, den Rücken der anderen Hälfte zugewandt. Dann sah ich Lucy. Sie war gestorben, an derselben Stelle, an der ich sie vor wenigen Stunden noch lebend gesehen hatte. Sicher war Charly bis zuletzt bei ihr geblieben. Mit Tränen in den Augen hob ich den kleinen, kalten Körper verstohlen aus dem Stall, hoffte, daß Charly es nicht bemerken würde. Doch er schaute gar nicht hin, hielt die Augen fest verschlossen.

Woran war Lucy gestorben? Hatte sie eine ansteckende Krankheit gehabt? Um ein mögliches Risiko für die anderen Tiere zu erkennen, ließen wir sie untersuchen. Wir machten uns große Sorgen, denn nach Lucy’s Tod bekam Charly fürchterlichen Durchfall, hörte dann auf zu essen und kauerte nun ebenso apathisch mit geschlossenen Augen in einer Ecke. Die Obduktion von Lucy’s Körper ergab jedoch, daß die kleine Häsin an einem Lebertumor gestorben war – Charly konnte sich also nicht angesteckt haben. Es gab nur eine Erklärung: Charly tauerte! Selbst ausgewählteste Leckereien ließen ihn kalt, zwei andere, ihm vorgestellte Häsinnen biß er wütend weg und den Teil des Doppelkäfigs, in dem Lucy gestorben war, betrat er nie mehr.

Der Arzt konnte keine körperliche Erkrankung erkennen und riet uns zur vorübergehenden Zwangsernährung. Doch auch damit hatten wir keinen Erfolg. Der Brei lief dem Kaninchen immer wieder aus dem Mund – er weigerte sich zu schlucken. Charly litt erbärmlich, und wir waren uns einig: Wir mußten eine Kaninchendame finden, die er mochte … und zwar schnell. Zwei Tage später stand die traurige Geschichte in der Zeitung und verschiedene Tierfreunde meldeten sich, um Charly bei sich aufzunehmen. Die ersten beiden Adressen ließen unsere anfängliche Hoffnung fast auf Null sinken: Charly wollte nichts von den Kaninchendamen wissen und verkroch sich weiter in seiner Trauer.

Dann fuhren wir zu einem Ehepaar, Astrid und Thorsten, das mit zwei weiblichen Kaninchen zusammenlebte. Und dieses Mal war alles anders: Als Charly ‚Monster‘ sah, hob er langsam den Kopf und schnupperte! Das erste Mal seit Lucy’s Tod zeigte er Interesse, schien aus seinem Kummer zu erwachen. Wir hielten die Luft an, mochten uns nicht bewegen.

Als wollte er seinen Augen nicht trauer, starrte Charly die Häsin an … und machte einen Schritt in ihre Richtung. Lag es daran, daß sie ebenso aussah wie Lucy, wildfarben und zierlich? Spürte er, daß sie Lucy auch charakterlich sehr ähnlich war, ängstlich und schutzbedürftig? Doch sein Interesse dauerte nur Sekunden und Charly zog sich wieder zurück.

War diese Ähnlichkeit nun gut für ihn, würde Monster ihn irgendwann ganz von seinem Schmerz ablenken können? Oder würde es für ihn nur noch schlimmer werden?

Wir hatten uns lange mit Astrid und Thorsten unterhalten und wußten, daß Charly bei ihnen auf jeden Fall in den besten Händen war, denn sie verstanden sein Problem und nahmen es ernst. Auch die Unterbringung der Häsinnen Monster und Flecki – sie konnten sich in der oberen Etage frei bewegen – und wie das Paar von den Tieren sprachen, zeigte, daß sie sie als eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Bedürfnissen und Eigenschaften sahen und behandelten.

Wir ließen Charly bei diesen freundlichen Menschen. Während der nächsten Tage erfuhren wir, daß es die einzig richtige Entscheidung gewesen war: Schon am ersten Abend aß Charly etwas und mit der Zeit machte er klar erkennbare Fortschritte. Zwar mußte er noch einige Male zum Arzt, damit der Durchfall behandelt wurde, doch es ging bergauf.

Diese Geschichte zeigt einmal mehr, was jeder Mensch, der bewußt mit Tieren lebt, bestätigen kann: Daß unsere Mitlebewesen ebenso wie wir Gefühle wie Liebe, Eifersucht, Angst, Zufriedenheit und Einsamkeit empfinden. Und das gilt nicht nur für größere Tiere, deren Gefühle für uns klarer erkennbar sind wie Hunde, Pferde oder Katzen.

Nur vermessene Kleingeister hätten die Trauer von Charly nicht als ebenso schmerzvoll erkannt als die eines Menschen, der den geliebten Partner verloren hat.




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Über Karen Schönbrodt

Ich arbeite seit 36 Jahren im Tierschutz.

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